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Künstlergespräch

Damit die Kirche nicht zur funktionalen Event-Location verkommt

Evangelisches Dekanat Mainz/Karin WeberKünstlerin Madeleine Dietz, Moderator Hans-Ulrich Stelter, Dekan Andreas Klodt und Generaldirektor Thomas Metz (von links) diskutierten über Kunst im Sakralraum.

Dekan Andreas Klodt vom Evangelischen Dekanat Mainz diskutiert mit Bildhauerin Madeleine Dietz und Thomas Metz, Generaldirektor Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, über Kunst im Sakralraum

„Ich glaube, dass die meisten Kirchräume ziemlich vermüllt sind.“ Mit dieser provokanten These begann Madeleine Dietz das Künstlergespräch mit Dekan Andreas Klodt vom  Evangelischen Dekanat Mainz und Thomas Metz, Generaldirektor Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz.

Ein halbes Jahr lang hatte das Landesmuseum Mainz in der Ausstellung „Korrespondenzen“ Skulpturen und Malereien der Künstlerin gezeigt, die vor einigen Jahren Ambo, Kreuz und Altar in der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) am Gonsenheimer Spieß gestaltete. Zur Finissage thematisierte das Podium das Verhältnis zwischen Kunst und Architektur und vor allem zwischen Kunst und Sakralraum.

Auszeichnung mit Kulturpreis "Kunst und Ethos"

Stahl und Erde - dies sind die Elemente der 1951 in Mannheim geborenen Bildhauerin, die für ihren Umgang mit sakralen Räumen 2013 den Kulturpreis „Kunst und Ethos“ erhielt. „Für Madeleine Dietz steht der Stahl gleichsam für Kultur und die Erde für Natur. Beides wird in ihren Arbeiten kontrastiert und zu einer Einheit verbunden“, erklärte die Direktorin des Landesmuseums Dr. Birgit Heide.

Die Künstlerin setze diese Elemente in den Kontext aktueller gesellschaftlicher Fragestellungen, etwa zum Thema Tod und Vergänglichkeit, aber auch zu Glaube und Hoffnung. Die Erde etwa steht bei Dietz für Werden und Vergehen, daher legt sie Erde in Tresore und Schreine.

"Kirchen nicht verschandeln"

Aber hat Kunst etwas in der Kirche zu suchen? Das sieht Dietz, die im christlichen Kontext verwurzelt ist, durchaus problematisch. „Wir haben über 600 Kunstausstellungen in Kirchen im Jahr. Davon sind vielleicht 20 gut“, findet sie. Kirchen dürften nicht mit Stellwänden und „vielen Bildchen verschandelt werden“, nicht „zu Event-Locations verkommen“.

Dietz schlug vor, dass Fachleute Kirchräume analysieren, damit deren sakraler Charakter wieder stärker hervortritt. Es gelte, die Leere im Kirchraum auszuhalten. Dann werde der Kirchraum wieder zu einem Feierraum für etwas ganz Besonderes.

Dekan Klodt: Kirche ausgespart von Funktionalität

Dekan Andreas Klodt erinnerte daran, dass in Mainz die Bauform des Gemeindezentrums vorherr-sche: ein bewusst multifunktionaler Raum, in dem auch Gottesdienst gefeiert werde. Damit sei jedoch etwas Wichtiges verloren gegangen: „Kirche hat die Aufgabe, keine Aufgabe zu haben; ausgespart zu sein vom funktionalen Raum.“

Es brauche ein breites Gespräch zu den Fragen: Was sind Kirchen? Sind sie noch öffentlicher Raum? Oder werden sie immer mehr zu Privaträumen, wie zu den Anfängen der Christenheit in den versteckten Katakomben? „Legen wir bei unseren Kirchen noch die Maßstäbe an, die wir an öffentliche Räume stellen?“ Dabei identifizierte Klodt als Problem, dass in Mainz seit der Jahrtausendwende keine neuen Kirchen mehr gebaut wurden.

Neue Sichtweisen als Angriff

Der Frage von Moderator Hans-Ulrich Stelter, ob der Geist eines gewachsenen Sakralraums durch neue, moderne Elemente zerstört wird, begegnete Architekt Thomas Metz mit der Feststellung, dass es oft wie ein persönlicher Angriff wirke, wenn sich gewohnte Sehweisen verändern.

Deshalb müssten Künstler, Architekt und Gemeinde früh in den Dialog treten, bevor ein Kirchraum verändert wird. Glaube sei verbunden mit Emotion, erklärte Metz: „Der Architekt muss einen Raum entwickeln, in dem Gefühle entstehen können. Dabei sei es für einen gläubigen Architekten leichter, eine Kirche zu bauen, da er „im Metier drin ist“.

Niemals gegen den Raum

Dietz betonte, dass sich der Künstler mit dem vorhandenen Sakralraum sehr genau auseinandersetzen müsse. „Wenn ich mit Altar, Kreuz und Ambo Kunst in einen barocken Raum einbringe, muss ich schauen, dass ich mit dem Raum gehe und nicht gegen den Raum.“ Sie schaffe niemals Werke ohne eine Botschaft, allerdings erläutere sie diese für gewöhnlich nicht.

Dekan Klodt wies auf die enge denkmalpflegerische Begleitung der Gemeinden durch kirchliche Gremien bei Sanierung- und Umbaumaßnahmen hin. Dabei werde man bei einem Gemeindezentrum aus den 1970er-Jahren jedoch nicht so strenge Maßstäbe anwenden wie bei einem denkmalgeschützten Sakralbau.

Keine Frage des Zeitgeists

Durch den Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris werde wieder neu über sakrale Räume nachgedacht. Wie historisch darf es sein? Wäre weniger nicht mehr? Diese Fragen stellten sich auch in Zusammenhang mit der Sanierung der St. Johanniskirche in Mainz, sagte Klodt. Dabei forderte er eine gewisse Nachhaltigkeit dessen, was neu in Kirchen entstehe. Nicht das, was heute gefällt, sei der Maßstab, sondern das, was auch in 500 Jahren die Atmosphäre des Sakralraums unterstreiche.

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