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Sklaverei für billiges Obst

Evangelisches Dekanat Mainz / Heiko BeckertMartin Klupsch, Geschäftsführer des Fair-Handelszentrum Rheinland, und der Migrationsexperte Giuseppe Spedicato.

Über billiges Obst und Gemüse aus Italien freuen sich hierzulande viele Kunden. Doch um die Nahrungsmittel so günstig auf den Markt bringen zu können, müssen Erntehelfer jenseits der Alpen einen hohen Preis zahlen, wie der Publizist und Migrationsexperte Giuseppe Spedicato im Haus der Evangelischen Kirche berichtete.

Beim „Länderabend Italien“ – eine Veranstaltung des Referats Gesellschaftliche Verantwortung des evangelischen Dekanats Mainz, des Weltladens Mainz, der Heinrich-Böll-Stiftung sowie save me Mainz – zeigte Spedicato, wie Migranten in der Landwirtschaft ausgebeutet werden. Die Verhältnisse, an denen gerade auch die organisierte Kriminalität verdient, müssen dem Publizisten zufolge als Sklaverei oder der Sklaverei ähnlich bezeichnet werden.

In Apulien, wo Spedicato lebt, stammen Erntehelfer oft aus Afrika. Ihr Stundenlohn betrage 3,50 Euro, sagte der Migrationsexperte. Ein Arbeitstag hat zehn bis 15 Stunden. Von ihrem Lohn müssten die Erntehelfer Dienstleistungen des Arbeitgebers bezahlen: Der Transport zu den Feldern kostet fünf bis zehn Euro, eine Mahlzeit 3,50 Euro und so weiter. Für den Publizisten ist diese Art der Ausbeutung keine Randerscheinung, ganz im Gegenteil: „Das Phänomen der Sklaverei ist unentbehrlich für den Kapitalismus des dritten Jahrtausends.“ Italien, befürchtet er, sei eine Art „Zukunftslabor“ für andere Staaten.

Der Gewinn landet laut Spedicato bei Arbeitgebern und Schleusern. Gerade für die „Agromafia“ sei das ein Milliardengeschäft. Oft würden Erntehelfer mit dem Versprechen geködert, dass sie nach einer dreimonatigen Probezeit einen regulären Arbeitsvertrag erhalten. Doch, so Spedicato, nach der „Probezeit“ ist die Ernte eingebracht, und die Arbeiter stehen ohne Job und ohne Vertrag da. Derzeit gebe es etwa 100.000 Wanderarbeiter in Italien. Statistiken gehen von mehreren tausend „Sklaven“ aus.

Es regt sich aber Widerstand in Politik und Zivilgesellschaft. Zwei Beispiele stellte Martin Klupsch, Geschäftsführer des Fair-Handelszentrum Rheinland, vor. Er warnte davor, Italien und seine Einwohner mit der Mafia gleichzusetzen: „Die allermeisten sind Opfer der Mafia.“ Ein Gegenmodell zur mafiösen Ausbeutung in der Landwirtschaft praktiziere die Organisation „Libera terra“. Ziel ist es, von der Mafia konfiszierte Flächen für eine faire Landwirtschaft zu nutzen. Mittlerweile gebe es neun Kooperativen, die dies tun. Eine andere Bewegung aus Palermo nennt sich „Addiopizzo“, was so viel wie „Abschied vom Schutzgeld“ heißt. Ihre Mitglieder weigern sich, Schutzgelder an die Mafia zu zahlen.

Menschen in Deutschland könnten den Kampf gegen organisierte Kriminalität und Ausbeutung in der Landwirtschaft unterstützen. Fair gehandelte Produkte zu kaufen, sei eine Möglichkeit. Aber auch die Politik ist gefragt, finden beide Referenten: Deutschland sei für die Mafia Rückzugsgebiet und „Steueroase“ zugleich. „Heutzutage steckt die Mafia ihr Geld lieber in Deutschland als in Italien“, sagte Spedicato. Die Mitgliedschaft bei der Mafia sei in der Bundesrepublik noch nicht einmal eine Straftat, ergänzte Klupsch. „Da fehlt hier das Bewusstsein, dass wir ein Problem haben.“

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